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ESSAY / Trennung und Selbstwert

Warum bekommen andere noch einen Versuch?

Über den schmerzhaften Vergleich mit Paaren, die gemeinsam weiterarbeiten.

Marc Sent · · 8 Min. Lesezeit

Andere versuchen es noch einmal, während die eigene Beziehung endet. Warum dieser Unterschied so tief schmerzt, und warum er trotzdem nicht über den Wert eines Menschen entscheidet.

Beim Abräumen erzählt eine Freundin, dass sie und ihr Mann ihre Donnerstagabende vorerst freihalten. Sie haben jemanden gefunden, bei dem sie über die Dinge sprechen können, die zu Hause jedes Mal im Streit enden. Ihr Mann steht neben ihr und kratzt mit einer Gabel die Reste aus der Auflaufform. Als sie kurz nach dem Namen der Straße sucht, hilft er ihr weiter. Danach fragt jemand, ob noch Kaffee da ist, und das Gespräch wandert zum nächsten Wochenende.

Auf dem Heimweg bleibt ihr Gast an einer roten Ampel stehen. Auf dem Beifahrersitz liegt die Dose, in die ihm die beiden den übrigen Kuchen gepackt haben. Er denkt an ihren Donnerstag und daran, wie selbstverständlich sie von einem nächsten Termin gesprochen haben. Als die Ampel umspringt, braucht er einen Augenblick, bevor er losfährt.

Ein Donnerstag, der in der eigenen Geschichte fehlt

Es war kein großer Satz gewesen. Niemand hatte von einer geretteten Ehe gesprochen, und die beiden wirkten auch nicht wie Menschen, die alles hinter sich gelassen hatten. Sie hatten nur etwas vor. In ihrem Kalender gab es einen Abend, an dem sie sich mit dem beschäftigen wollten, was zwischen ihnen schwer geworden war. Ihn traf, dass dieser Abend existierte.

Er hätte gern sagen können, dass sie es auch versucht hatten. Dass sie irgendwo gesessen waren, unbeholfen und mit zu wenig Schlaf, und wenigstens gemeinsam nachgesehen hatten, was noch zu retten war. Er stellte sich dabei kein Wunder vor. Es hätte ihm schon viel bedeutet, wenn seine Hoffnung für eine kurze Zeit eine gemeinsame Sache geworden wäre, wenn nicht nur er am Rand dieser Beziehung gestanden und gerufen hätte, sondern sie beide.

Stattdessen hatte es irgendwann nur noch die Frage gegeben, wer welchen Schlüssel behält. Sein Wunsch nach einem letzten Versuch war nicht abgelehnt worden, weil er unvernünftig gewesen wäre. Er war nie wirklich verhandelt worden. Sie war bereits woanders, als er noch fragte.

Das Glück der anderen ist nicht das, was am meisten wehtut

Deshalb schmerzt der Versuch anderer manchmal mehr als ihr Glück. Ein glückliches Paar kann weit weg wirken, fast wie eine andere Lebensform. Zwei Menschen in Schwierigkeiten dagegen erkennt man. Die müden Gesichter, die ausweichenden Antworten, die Vorsicht bei bestimmten Themen, all das kennt man aus der eigenen Küche. Und wenn sich diese beiden trotzdem auf einen nächsten Schritt einigen, wird die Frage nach dem eigenen Ende plötzlich sehr konkret.

Warum war das bei uns nicht möglich? Wir hatten doch auch gute Jahre. Wir konnten miteinander lachen und kannten die kleinen Gewohnheiten des anderen. Es gab keinen Abend, der alles zerstört hätte. Wenn andere nach viel größeren Brüchen noch miteinander reden, wirkt das eigene Ende im Rückblick fast unbegreiflich, und die einfachste Erklärung, die sich anbietet, ist die grausamste: Für die beiden lohnt sich die Mühe. Für mich hat sie sich nicht gelohnt.

Man freut sich für Menschen, die man mag, und spürt zugleich, wie sich die eigene Geschichte danebenstellt und klein wird. Diese Gleichzeitigkeit ist verwirrend und oft beschämend. Man möchte großzügig sein und merkt, dass man neidisch ist, und dann schämt man sich für den Neid, und so kommt zur Trauer noch ein zweites schweres Gefühl dazu. Beides ist menschlich. Man darf sich nach etwas sehnen, das andere tatsächlich haben, ohne ihnen deshalb etwas zu missgönnen.

Die freundlichste Erklärung muss die anderen nicht kleiner machen

Es gibt einen Trost, der einen im Nachhinein beschämt. Er besteht darin, dem anderen Paar etwas abzuziehen. Sie bleiben bestimmt nur wegen des Hauses zusammen. Sie können eben beide nicht allein sein. Wer weiß, wie es hinter ihrer Wohnungstür wirklich aussieht. Für einen Augenblick wird die eigene Zurückweisung leichter, wenn ihr Versuch weniger wert erscheint.

Aber man weiß es nicht. Es kann sein, dass sie einander lieben, Verantwortung übernehmen und etwas verändern, das lange festgefahren war. Es kann sein, dass ihr Donnerstag ihnen hilft. Man möchte ihnen diese Möglichkeit lassen können, auch an den Tagen, an denen ihr Anblick an etwas erinnert, das einem selbst fehlt. Und selbst wenn man alles über sie wüsste, würde ihr Weg nicht zur Antwort auf den eigenen. Ihre Entscheidung ist in einer Geschichte entstanden, in der man nicht gelebt hat.

Trotzdem bleibt der Unterschied wirklich. Andere tun gerade etwas miteinander, das bei einem selbst nicht geschieht. Diesen Satz muss man nicht so lange weichzeichnen, bis er niemandem mehr wehtut.

Zwischen einer Absage und einem Urteil über sich selbst

Schwer wird es dort, wo aus der Sehnsucht ein Urteil über die eigene Person wird. Zuerst denkt er, dass sie keinen weiteren Versuch wollte. Dann, dass er ihr die Mühe nicht wert war. Später, in einer schlechten Nacht, erscheint ihm die ganze Beziehung als Irrtum, den sie nur früher bemerkt hat als er. Oder er unterstellt ihr, ihn nie wirklich geliebt zu haben. Der Gedanke ist dann weit über das hinausgegangen, was er tatsächlich weiß.

Eine Absage sagt etwas Deutliches: Dieser Mensch möchte mit mir nicht weitergehen. Sie kann auch mit dem eigenen Verhalten zu tun haben, mit Verletzungen, die man verursacht hat, oder mit einem Alltag, den man zu lange für selbstverständlich hielt. Das anzusehen gehört zur eigenen Geschichte. Ein konkretes Versäumnis ist aber etwas, mit dem man sich auseinandersetzen kann. Man kann sich erinnern, wie man zugehört hat, worauf man nicht eingegangen ist, was man heute anders machen würde. Der Satz, mit einem selbst stimme grundsätzlich etwas nicht, lässt dagegen keine Bewegung mehr zu. Er macht aus einer schmerzhaften Geschichte eine Eigenschaft, die einen überallhin begleiten soll.

Auch die Vergangenheit wird durch das Ende nicht vollständig erklärt. Jemand kann einen aufrichtig geliebt haben und heute keine Zukunft mehr wollen. Man wird nicht jede Erinnerung retten können. Man muss aber auch nicht jede gegen sich verwenden.

An manchen Tagen weiß man nur, dass man selbst bleiben wollte und der andere nicht. Für diesen Unterschied gibt es keine Erklärung, die groß genug wäre, und genau deshalb greift man zu der größten, die man finden kann: zum eigenen Wert als Mensch. Sie beendet die Ungewissheit, indem sie den Verlassenen selbst zum Grund erklärt. Das ist verführerisch, weil es wenigstens eine Antwort ist. Aber es ist die falsche.

Um den Versuch trauern, den es nicht gab

Unter dem Vergleich liegt ein Wunsch, den man ernst nehmen sollte. Man sehnt sich nach einer Beziehung, in der Schwierigkeiten ausgesprochen werden dürfen und jemand mit einem überlegt, was sich ändern ließe. Man hätte sich das damals so sehr gewünscht. Dass es nicht dazu kam, darf traurig bleiben, auch wenn man später besser versteht, warum die Wege auseinandergingen.

Es wäre ebenso vorschnell, sich einzureden, ein weiterer Versuch hätte ohnehin nichts gebracht. Das weiß niemand. Vielleicht wären beide aufmerksamer geworden. Vielleicht hätten sie nur deutlicher erkannt, warum es nicht mehr ging. Keine dieser Geschichten lässt sich nachträglich besuchen. Es gibt eine ungelebte Möglichkeit, und um sie wird getrauert, ohne dass jemand je erfahren wird, wie sie ausgegangen wäre. Diese Trauer ist so real wie jede andere.

Was sich ändern kann, ist nur, dass man aufhört, jeden Donnerstag eines anderen Paares als Beweisstück gegen sich zu sammeln. Ihr Termin gehört zu ihrem Leben. Der eigene Schmerz gehört zum eigenen, und beide dürfen an demselben Abend da sein.

Der Kuchen kann einfach von Freunden sein

Zu Hause stellt er die Kuchendose in die Küche. Er öffnet sie nicht. Eine Weile steht er vor der Arbeitsplatte, noch im Mantel, und lässt zu, was er an der Ampel nicht zulassen wollte. Es ist nicht viel, ein paar Minuten, ein Geräusch, das er von sich selbst nicht kennt. Danach hängt er den Mantel auf.

Am nächsten Morgen wird er ein Stück vom Kuchen essen und der Freundin schreiben, dass er gut war. Wenn sie später von ihren Donnerstagen erzählen möchte, kann er zuhören. Und wenn es ihm an einem Tag zu nahegeht, darf er auch das sagen, ohne dass die Freundschaft daran zerbricht. Er muss bei ihr weder Hoffnung ausleihen noch nach Gründen suchen, warum es bei ihnen scheitern könnte.

Wenn dir gerade jemand von seinem neuen Versuch erzählt und dir dabei der Hals eng wird, dann musst du dich nicht zwingen, nur zu lächeln. Freu dich für sie, soweit du kannst. Und dann gönn dir, zu Hause, auch die Trauer um den Donnerstag, den du nie bekommen hast. Er hätte dir zugestanden. Dass er ausblieb, sagt etwas über eure Geschichte, nicht darüber, was du wert bist.

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