Wenn ich einmal nichts zu geben habe
Über die Sehnsucht, auch ohne Aufgabe einen Platz im Leben eines Menschen zu haben.
Wer viel für andere tut, kann sich seiner Nützlichkeit sicher sein und sich trotzdem fragen, ob er als Mensch gemeint ist. Nach einer Trennung wird aus dieser Frage eine stille, nächtliche Angst: Würde ich jemandem fehlen, wenn er nichts von mir bräuchte?
Als sein Handy zum dritten Mal klingelt, hat er die Schuhe noch nicht ausgezogen. Ein Kollege findet die Datei nicht, seine Mutter versteht die neue Abrechnung nicht, und ein Freund möchte wissen, ob er am Samstag einen Transporter fahren könnte. Er beantwortet alles vom Flur aus. Danach stellt er die Einkaufstasche auf den Küchenboden und merkt, dass er Brot vergessen hat.
Später sitzt er auf dem Balkon, die Jacke noch über dem Hemd. Zwischen den Dächern sind ein paar Sterne zu sehen. Er nimmt das Handy in die Hand und geht die Anrufe durch, ohne einen bestimmten Grund dafür nennen zu können. Unter dem Namen seiner ehemaligen Partnerin steht ein Datum von vor sechs Wochen. Er legt das Gerät auf den freien Stuhl und bleibt noch eine Weile draußen.
Wenn das Telefon nach getaner Arbeit schweigt
Es war ein Tag gewesen, an dem er an vielen Stellen gefehlt hätte. Ohne ihn wäre die Datei verschwunden geblieben, die Abrechnung ungeklärt, der Samstag schwieriger. Er hilft gern, und an den Anrufen war nichts Kränkendes. Trotzdem breitete sich nach dem letzten Gespräch eine Leere aus, für die die vielen Anrufe keine Antwort waren. Er war an diesem Tag für drei Menschen wichtig gewesen, und keiner von ihnen hatte gefragt, wie es ihm geht.
Er versuchte sich zu erinnern, wann zuletzt jemand angerufen hatte, ohne etwas klären zu wollen. Ein Gespräch, in dem es gleichgültig gewesen wäre, ob er eine Lösung wusste. In dem er hätte erzählen können, dass der Supermarkt umgebaut worden war und er zehn Minuten den Kaffee gesucht hatte. Eine dieser kleinen Geschichten, die man nicht erzählt, weil sie bedeutsam wären, sondern weil jemand wissen möchte, wie der eigene Tag geklungen hat.
Solche Gespräche hatte es mit ihr gegeben. Sie hatte manchmal auf dem Heimweg angerufen, und er hatte mehr von ihrem Atem und dem Verkehr gehört als von irgendeiner Neuigkeit. Damals hatte ihn das auf eine Weise beruhigt, die er nie erklären konnte. Da suchte ihn jemand, obwohl es nichts zu erledigen gab. Jemand wollte seine Stimme hören, einfach so, und das war ihm vorgekommen wie eine Antwort auf eine Frage, die er selbst nie laut gestellt hatte.
Jetzt ist auch diese Erinnerung unsicher geworden. Hatte er sich wirklich so gesehen gefühlt, oder hatte er aus ein paar Abenden eine Gewissheit gemacht, die größer war als das, was sie tatsächlich teilten? Er kann das nicht mehr sauber trennen, und gerade das ist so schwer zu ertragen. Die Trennung hat ihm nicht nur die Anrufe genommen. Sie hat ihm auch das Vertrauen darauf genommen, dass sie echt waren.
Die Frage, die nachts kommt
Unter all dem liegt eine Frage, die man tagsüber kaum denkt und die nachts auf dem Balkon plötzlich ganz nah ist: Würde ich dir auch fehlen, wenn du nichts von mir bräuchtest? Sie richtet sich an die Frau, die gegangen ist, aber eigentlich an alle. An den Kollegen, die Mutter, den Freund mit dem Transporter. Und die Angst hinter dieser Frage ist nicht, dass die Antwort Nein lauten könnte. Die Angst ist, dass man es nie herausfinden wird, weil man nie mit leeren Händen gekommen ist.
Diese Angst ist nicht eitel und nicht undankbar. Sie ist eine der tiefsten Sehnsüchte, die Menschen kennen: gemeint zu sein, nicht gebraucht. Wer sie nach einer Trennung spürt, spürt sie oft mit voller Wucht, weil gerade der Mensch fort ist, bei dem man geglaubt hatte, sie sei gestillt.
Der verlässliche Mensch kann müde werden
Wer häufig der ist, der organisiert, gerät leicht in einen vertrauten Ablauf. Man sieht eine Schwierigkeit, bevor andere sie bemerken, und hat schon angefangen, sie zu lösen, während noch gefragt wird, wer Zeit hätte. Die Anerkennung dafür kommt schnell und eindeutig. Auf einen reparierten Wasserhahn kann man zeigen. Dass jemand einfach die eigene Anwesenheit mag, ist schwerer festzustellen, wenn man nie still genug sitzt, um es zu erfahren.
Auch er hatte seine Zugehörigkeit mit Tätigkeit abgesichert. Bei Einladungen brachte er etwas mit, bei Umzügen trug er die schwersten Möbel, in der Beziehung dachte er an Versicherungen und fällige Rechnungen. Er war stolz darauf, und er hatte Gründe dafür. Gleichzeitig war es ihm unangenehm geworden, irgendwo aufzutauchen, wenn er nichts beitragen konnte. Selbst als er krank war, hatte er sich entschuldigt, dass sie nun allein einkaufen musste.
Sie hatte damals gesagt, er solle im Bett bleiben. Er erinnert sich an den Teller auf dem Nachttisch und daran, wie sie kurz das Fenster geöffnet hatte, damit frische Luft hereinkam. In dieser Erinnerung liegt eine Zärtlichkeit, die er nicht für unwahr erklären kann, nur weil sie später gegangen ist. Aber es fällt ihm heute schwer, darauf zu vertrauen, dass ihn je wieder jemand so sehen wird, liegend, nutzlos, mit Fieber, und trotzdem gern bei ihm bleibt.
Mit leeren Händen erscheinen
Es wäre ungerecht, aus jeder Bitte einen Beweis mangelnder Zuneigung zu machen. Menschen brauchen einander, und viele Formen von Liebe zeigen sich gerade in praktischer Hilfe. Der Freund mit dem Transporter kann ein guter Freund sein. Die Mutter darf über eine Rechnung reden, ohne vorher die tiefsten Fragen ihres Sohnes zu kennen. Und doch spürt man einen Unterschied. Er liegt darin, ob ein Gespräch nach der gefundenen Lösung noch weitergeht, ob jemand merkt, dass die Antwort heute ungewöhnlich knapp klingt, und nachfragt, obwohl die eigene Sache längst erledigt ist.
Auf dem Balkon dachte er auch daran, wie selten er selbst gesagt hatte, was ihm fehlte. Wenn sie gefragt hatte, ob etwas sei, war ihm meist nur eingefallen, dass alles erledigt war. Das beschrieb den Zustand der Dinge, nicht seinen eigenen. Er hatte gehofft, dass sie den Unterschied erkennen würde, und wenig dafür getan, sichtbar zu werden. Das einzugestehen tat weh. Es erklärte nicht, warum sie gegangen war. Aber es zeigte ihm, dass das Gemeintsein vielleicht nicht nur davon abhängt, ob jemand einen sucht, sondern auch davon, ob man sich finden lässt.
Wer sich jahrelang daran gewöhnt hat, willkommen zu sein, weil er hilfreich ist, erlebt das bloße Dasein ohne Angebot zunächst wie ein Wagnis. Er sitzt am Tisch und wartet innerlich darauf, dass jemand fragt, wozu er eigentlich gekommen ist. Das ist keine Schwäche. Es ist eine alte, gut gemeinte Schutzhaltung, die irgendwann zu eng geworden ist.
Ein Punkt unter den Sternen
Unter den Sternen bekam die Angst eine andere Größe. Die Welt würde sich weiterdrehen, ob er die Abrechnung verstand oder nicht. Die Dinge, an denen er seinen Wert heute festgemacht hatte, waren nötig gewesen und würden bald vergessen sein. Was er sich eigentlich wünschte, war viel schlichter: dass ein Abend für jemanden anders verliefe, wenn er fehlte. Dass seine Gegenwart eine eigene Farbe hätte, die kein erledigter Auftrag ersetzen könnte.
Bei ihr hatte er geglaubt, diesen Platz gefunden zu haben. Das macht die Erinnerung warm und schwer zugleich. Er muss heute weder entscheiden, dass er sich vollständig getäuscht hat, noch daraus schließen, dass ihn nur sie je so hätte sehen können. Es genügt, zu bemerken, wonach er sich sehnt. Nicht nach mehr Lob für seine Mühe. Nach einem Gespräch, in dem er mit leeren Händen erscheinen darf.
Als er schließlich hineinging, nahm er das Handy vom freien Stuhl. Er schrieb dem Freund, dass er am Samstag den Transporter fahren könne. Dann fügte er hinzu, dass er vorher gern mit ihm essen würde, weil die letzten Wochen schwer gewesen seien. Er las den zweiten Satz dreimal. Sein Daumen lag schon auf der Löschtaste. Dann ließ er ihn stehen und schickte ab.
Wenn du einer bist, den alle anrufen, wenn etwas kaputt ist, dann ruf heute einmal jemanden an, ohne etwas zu brauchen und ohne etwas anzubieten. Sag nur, dass du seine Stimme hören wolltest. Und wenn dir jemand solche Anrufe macht, dann lass ihn wissen, dass sie dir mehr bedeuten als jeder reparierte Wasserhahn.
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