Alle Notizen & Essays

ESSAY / Erinnerung und Veränderung

Wer mir fehlt, wenn du mir fehlst

Über die verschiedenen Verluste, die sich in einer einzigen Sehnsucht verbergen können.

Marc Sent · · 8 Min. Lesezeit

Musik zum EssayWas einmal wir hießZum Lied

Ein altes Urlaubsfoto lässt einen Menschen fehlen und zugleich das eigene frühere Leben. Manchmal trauert man in derselben Sekunde um zwei, und keiner dieser Verluste ist kleiner als der andere.

Er sucht auf dem Handy nach einem Foto von der alten Küche, weil ein Freund wissen möchte, wie das Regal befestigt war. Zwischen den Bildern taucht ein Urlaubsfoto auf. Sie sitzen auf einer niedrigen Mauer, hinter ihnen ein Hafen, auf seinen Knien eine zerknitterte Straßenkarte. Sie hatten damals die falsche Fähre genommen und mussten drei Stunden auf die nächste warten.

Zuerst sieht er sie an. Dann bleibt sein Blick an seinem eigenen Gesicht hängen. Er wirkt entspannt, beinahe unvorsichtig glücklich, und trägt ein Hemd, das er längst weggegeben hat. Er vergrößert das Bild, bis die Mauer unscharf wird. Der Freund schreibt noch einmal wegen des Regals. Er antwortet, dass er gleich suche, und bleibt bei dem Foto. Für einen Moment weiß er nicht, wen von den beiden Menschen darauf er stärker vermisst.

Das zweite Gesicht auf dem Foto

Auf ihren Anblick war er vorbereitet gewesen, soweit man darauf vorbereitet sein kann. Er kannte diesen Ausdruck um ihre Augen, die kleine Bewegung, mit der sie die Karte glatt strich, obwohl sie nie glatt blieb. Dieser Schmerz hatte einen Namen, und er trug ihn seit Monaten mit sich herum. Was ihn unvorbereitet traf, war sein eigenes Gesicht. Es gehörte zu einem Mann, der noch nicht wusste, wie diese Geschichte endet, und der einen verpassten Anschluss deshalb einfach für einen verpassten Anschluss halten konnte.

Nach einer Trennung sagt man meist nur einen Namen, wenn man sagt, was fehlt. Dieser Name ist nicht falsch, er ist nur nicht alles. Mit dem Menschen ist auch ein Leben gegangen, in dem man sich auf eine bestimmte Weise selbst erlebt hat: leichter vielleicht, oder mutiger, oder einfach selbstverständlicher. Jemand kannte die eigene Geschichte, erwartete einen am Abend und wusste, welche Bemerkung ernst gemeint war und welche nicht. Dieses Gekanntwerden war nicht ihr Besitz und nicht seiner. Es lag zwischen ihnen, und als sie ging, ging es mit.

Deshalb kann die Sehnsucht nach ihr so unerträglich groß werden. Sie trägt mehr, als ein einzelner Mensch tragen könnte. Wer sich den Abend vorstellt, an dem sie wieder vor der Tür steht, stellt sich oft auch vor, dass mit ihr der frühere Mann zurückkommt, der von nichts wusste. Das ist keine Verwirrung und kein Denkfehler. Es ist nur die ehrliche Größe dieses Verlusts, die sich in ein einziges Gesicht zwängt, weil man für den Rest keine Worte hat.

Was ein gemeinsames Leben still mitgetragen hat

Vieles, was fehlt, war nie besonders sichtbar. Man musste nicht überlegen, mit wem man am Sonntag frühstückt. Eine gute Nachricht hatte sofort einen Empfänger, eine schlechte ebenso. Wenn man von einem schwierigen Kollegen erzählte, war die Vorgeschichte nicht jedes Mal nötig, weil der andere sie bereits kannte, samt den Sätzen, die man sich damals nicht zu sagen getraut hatte. Diese Vertrautheit ersparte tausend Erklärungen, und erst ihr Fehlen zeigt, wie viele es waren.

Ohne sie kann sich selbst ein Leben, das von außen gut aussieht, eigenartig unbewohnt anfühlen. Es gibt dieselbe Arbeit, dieselben Wege, oft sogar einen vollen Kalender. Nur weiß kaum noch jemand, wie sich ein bestimmter Dienstag von innen angefühlt hat. Man kann von Menschen umgeben sein und genau jene beiläufige Begleitung vermissen, die nur aus Jahren entsteht und die niemand in einem Monat nachholen kann, so freundlich er auch ist.

Es wäre bequem, an dieser Stelle zu sagen, dass sich das alles ersetzen lässt. Das stimmt nicht, und wer es trotzdem sagt, meint es meist gut und hat es selbst noch nicht erlebt. Neue Freundschaften können wachsen, ein Sonntag kann irgendwann wieder eine eigene Form bekommen. Aber das, was mit ihr gewachsen war, wächst nicht einfach an anderer Stelle nach. Es war an diese Jahre gebunden, an ihre Stimme, an die Art, wie sie über seine Witze erst lachte, nachdem sie die Augen verdreht hatte.

Ein Name, der sich nicht auflösen lässt

Man könnte aus dieser Beobachtung eine Beruhigung machen: Es sei gar nicht so sehr sie, die fehlt, sondern bloß ein Gefühl, eine Lebensphase, eine Form von Sicherheit. Das wäre ein schlechter Trost, weil er auf Kosten der Wahrheit geht. Ein Mensch geht nicht in den Aufgaben auf, die er in einem gemeinsamen Leben übernommen hat. Ihre Stimme, ihr Widerspruch, ihre eigenwillige Art, eine Geschichte in der Mitte anzufangen, lassen sich nicht auf ein allgemeines Bedürfnis nach Nähe zurückführen. Sie fehlt. Genau sie.

Der Blick auf das eigene Gesicht nimmt davon nichts weg. Er fügt etwas hinzu. Wer genauer hinsieht, trauert nicht weniger, sondern oft um mehr, als er gedacht hatte: um den Menschen, um das gemeinsame Zuhause, um die eigene Unbefangenheit und um eine Zukunft, die schon eine vertraute Form hatte. Das ist schwerer, nicht leichter. Und doch hat es etwas Klärendes, wenn jeder dieser Verluste seinen eigenen Namen bekommt, statt dass alle zusammen an einem einzigen Namen ziehen, bis man ihn kaum noch aussprechen kann.

Manche Abende bringen deshalb unterschiedliche Fragen mit, auch wenn sie sich gleich anfühlen. Fehlt mir heute ihr Lachen? Fehlt mir ein Mensch am Tisch, irgendeiner, der fragt, wie es war? Oder fehlt mir der Mann, der ich neben ihr war, und von dem ich nicht weiß, ob es ihn ohne sie noch gibt? Alle drei Antworten können gleichzeitig wahr sein. Keine davon macht die anderen kleiner.

Die Erinnerung hat ihre bevorzugten Ausschnitte

Das Foto zeigte weder die Müdigkeit vor der Abfahrt noch das gereizte Gespräch darüber, wer die Fahrpläne hätte lesen sollen. Beides hatte es gegeben, und trotzdem war das Lachen auf der Mauer echt gewesen. Erinnerungen müssen nicht lügen, um unvollständig zu sein. Sie wählen aus, und sie wählen oft genau das, was heute am meisten fehlt. Wer das bemerkt, muss die Vergangenheit nicht nachträglich schlechtreden, um sich zu schützen. Die gereizten Stunden machen die glücklichen nicht falsch, und die glücklichen machen die gereizten nicht ungeschehen.

Auch das eigene frühere Gesicht verdient diesen vollständigen Blick. Der Mann auf der Mauer war nicht ständig so unbeschwert, wie er in dieser einen Sekunde wirkte. Er hatte Sorgen, die heute keine Rolle mehr spielen, und verstand einiges über sich noch nicht, das er inzwischen mühsam gelernt hat. Man darf ihn vermissen. Man darf um ihn trauern wie um einen Freund, den man aus den Augen verloren hat. Man muss nur nicht glauben, dass alles, was er hatte, mit ihm verschwunden ist.

Zurückhaltung meldet sich manchmal gerade dann, wenn die Sehnsucht am lautesten ist. Man vermisst den vertrauten Abend und merkt zugleich, dass man bestimmte Gespräche nicht noch einmal führen möchte. Das widerlegt die Liebe nicht. Es zeigt nur, dass der heutige Mensch inzwischen etwas über seine Grenzen weiß, das der Mann auf dem Foto noch nicht wusste. Es darf schön gewesen sein, und es darf trotzdem vorbei sein, und beides darf gleichzeitig wehtun.

Mit der Karte von damals in der Hand

Er schickte seinem Freund schließlich das richtige Foto vom Küchenregal. Danach ging er noch einmal zu der Aufnahme am Hafen zurück. Er betrachtete die zerknitterte Karte und erinnerte sich plötzlich, dass sie am Ende gar nicht mit der Fähre, sondern mit einem Bus zurückgefahren waren, weil sie das Warten nicht mehr ausgehalten hatten. Unterwegs hatten sie in einem kleinen Laden Wasser gekauft, und die Verkäuferin hatte ihnen den falschen Weg zum Hafen erklärt, sehr freundlich und sehr bestimmt. Diese Einzelheit war ihm jahrelang nicht eingefallen, und nun stand sie so deutlich vor ihm, dass er fast lachen musste und es dann doch nicht tat.

Es tat weh, dass er diese Geschichte niemandem mehr erzählen konnte, der dabei gewesen war. Das war vielleicht der genaueste Schmerz des ganzen Nachmittags: nicht die Erinnerung selbst, sondern dass sie jetzt nur noch ihm gehörte. Er ließ ihn da sein, ohne ihn wegzuerklären.

Dann schrieb er dem Freund, ob er beim Regal helfen und danach noch bleiben solle. Das Gesicht auf dem alten Foto würde weiter zu seiner Geschichte gehören, und die Frau daneben auch. Heute würde nur jemand anderes sehen, wie er beim Messen eine Zahl im Kopf behielt, sie wieder vergaß und noch einmal nachsehen musste.

Wenn dir das nächste Mal ein altes Bild begegnet und dir der Atem kurz stockt, musst du nicht sofort weiterwischen. Sieh es an und frag dich, wen du darauf gerade vermisst. Die Antwort darf lauten: beide.

Zurück zu den Notizen & Essays