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ESSAY / Selbstwert und Beziehungen

Die Rechnung, in der ich weniger als null bin

Über den Schmerz, wenn ein Mensch das Alleinsein einem gemeinsamen Leben vorzieht.

Marc Sent · · 8 Min. Lesezeit

Zum Lied

Zuerst geht sie, um allein zu sein. Zurück bleibt eine Rechnung, in der die eigene Anwesenheit weniger zählt als ein leerer Platz, und die Stille, wenn mit ihr auch die einzige Vertraute fehlt.

Sie sitzen im Auto vor dem Haus, weil das Gespräch auf der Heimfahrt begonnen hat und keiner weiß, wie man nun einfach aussteigen soll. Er hat den Motor schon abgestellt. Auf dem Display bleibt die Temperatur stehen, und irgendwann fragt er, ob es jemand anderen gebe. Sie schüttelt den Kopf und sagt, sie wolle erst einmal allein sein.

Er nickt, als hätte ihn die Antwort beruhigt. Tatsächlich wird etwas in ihm schwerer. Er sieht zum Beifahrersitz, auf dem ihre Tasche zwischen den Knien steht, und versucht zu verstehen, was für sie besser werden soll, wenn er nicht mehr dabei ist. Sie erklärt noch etwas über Ruhe und eine eigene Wohnung. Später wird er sich kaum an diese Sätze erinnern. Hängen bleibt, dass niemand anderes nötig war, damit sie gehen wollte.

Kein Gesicht, auf das die Frage passt

Die Frage nach einem anderen Menschen ist selten nur Eifersucht. Sie sucht auch nach einer Ordnung, die sich verstehen ließe. Gäbe es jemanden, könnte man sich mit ihm vergleichen: wärmer, leichter, aufmerksamer, zur richtigen Zeit da. Dieser Vergleich würde wehtun, aber er hätte eine Richtung. Man würde an etwas Bestimmtem leiden und sich wenigstens vorstellen können, welcher Unterschied den Ausschlag gegeben hat.

Die Antwort im Auto nahm ihm diese Richtung. Sie hatte kein anderes Leben gewählt, sondern ein Leben ohne Beziehung, und er machte daraus, ohne es zu wollen, eine Wahl zwischen sich und einem leeren Platz. Wenn der leere Platz besser war, dann musste seine Anwesenheit etwas schlechter gemacht haben. Dieser Gedanke setzte sich rasch fest, weil er wie eine einfache Rechnung aussah. Wo vorher zwei gewesen waren, wollte sie nun einen weniger, und der eine war er.

Von außen scheint in dieser Lage wenigstens ein Schmerz erspart zu bleiben. Kein Rivale, kein Bild eines Fremden, das man nachts vergrößert. Wer verlassen wird, hört in derselben Tatsache aber oft etwas ganz anderes: Du warst so wenig erwünscht, dass nicht einmal jemand Besseres kommen musste. Niemand im Auto hat diesen Satz gesagt. Er entsteht trotzdem, und er bleibt, lange nachdem der Motor kalt ist.

Selbst wenn sie Monate später jemanden kennenlernen sollte, nimmt das dem ersten Satz nichts von seiner Härte. Zuerst wollte sie ohne ihn leben. Was danach kommt, wäre ein neuer Schmerz, kein Ersatz für den alten.

Sie wusste, wo es wehtun würde

Die Frau auf dem Beifahrersitz kannte ihn. Sie hatte Nächte mit ihm verbracht, in denen er Dinge aussprach, die er tagsüber niemandem hätte sagen können. Sie wusste von seiner Angst, irgendwann zu viel zu sein, von der Scham, jemanden zu brauchen, und davon, wie schwer es ihm fiel, überhaupt um Nähe zu bitten. Gerade bei ihr hatte er aufgehört, diese Stellen zu verstecken.

Deshalb trifft ihn ihr Gehen anders als die Ablehnung eines Fremden. Er kann sich nicht damit trösten, dass sie nicht wusste, wie verletzlich er war. Sie wusste genug, um zu ahnen, dass er nach diesem Gespräch nicht einfach in einen anderen Alltag wechseln würde. Und sie ging trotzdem.

Dieses Trotzdem lässt sich kaum irgendwo unterbringen. Er hatte ihr von seinen Ängsten erzählt und erlebt, dass sie blieb, zuhörte und eine Hand auf seinen Rücken legte. Daraus war Vertrauen geworden. Jetzt sitzt derselbe Mensch neben ihm und erklärt eine Entscheidung, deren Folgen er am liebsten wieder mit ihr besprechen würde. Die Person, bei der er Trost suchen möchte, ist diejenige, wegen der er ihn braucht. Ob sie selbst gelitten hat, ob sie lange zögerte, ob ihr der Satz schwerfiel: Nichts davon gibt ihm die frühere Sicherheit zurück.

Nicht einmal ein gemeinsamer Versuch

In seiner Erinnerung gibt es kein Gespräch, in dem sie beide noch nach einem Weg gesucht hätten. Es gab gereizte Abende, Rückzug, Sätze, die er nicht verstand oder zu spät ernst nahm. Aber es gab keinen Abend, an dem sie ihm sagte: So kann ich nicht weiterleben, können wir gemeinsam etwas ändern? Als sie im Auto sprach, stand die eigene Wohnung bereits im Raum. Er erfuhr vom Ende, als sie schon darauf zuging.

Vielleicht hatte sie lange mit sich gerungen. Für ihn bleibt, dass er an diesem Ringen nicht teilnehmen durfte. Er hätte fragen wollen, woran es zuletzt hing, welche seiner Gewohnheiten sie nicht mehr ertrug, ob es noch etwas gab, das sie beide hätten versuchen können. Ein benennbares Versäumnis wäre ihm fast lieber gewesen. Darüber ließe sich wenigstens reden, daran ließe sich arbeiten. Wenn nicht einmal ein Versuch mehr möglich ist, wandert die Suche nach innen, und dort findet sie einen furchtbar einfachen Schluss: Mit mir muss etwas grundsätzlich falsch sein, wenn sich nicht einmal die Mühe noch lohnt.

So bekommt die Rechnung einen weiteren Posten. Beim Abwaschen führt er Gespräche, für die im Auto kein Platz war. Er formuliert einen Satz so lange um, bis er endlich genau klingt. Dann steht er mit einem nassen Teller in der Hand da und weiß nicht, wohin damit.

Wenn niemand anruft

Mit ihr fehlt ihm auch der Mensch, dem er von diesem Teller erzählen könnte, ohne erst erklären zu müssen, warum er seit Minuten davorsteht. Sie war seine Vertraute gewesen, die Empfängerin der kleinen Nachrichten, der Mensch, der wusste, wann ein schwieriger Termin anstand. Vieles, was ihn mit anderen verband, lief über sie. Sie verabredete Treffen, hielt Kontakt, fragte nach. Er war dabei gewesen und hatte dieses Dabeisein für ein eigenes soziales Leben gehalten.

Es gibt viele Männer, deren Leben so gebaut ist. Bekannte sind da, Kollegen, Menschen, mit denen man früher einmal Fußball gespielt hat. Aber niemand, den man nachts anrufen würde. Die Partnerin ist die einzige Person geworden, vor der die Stimme brechen darf. Nach der Trennung fehlt dann ausgerechnet der einzige Ort, an dem man über diese Trennung weinen könnte.

Der gut gemeinte Rat, eine Einladung anzunehmen, setzt voraus, dass eine kommt. Bei ihm kommt keine. Auf dem Telefon erscheinen eine Versandbestätigung, ein Hinweis der Bank und Nachrichten aus einer Gruppe, in der es um einen Termin bei der Arbeit geht. Er entsperrt den Bildschirm öfter, als es etwas zu lesen gibt. Niemand fragt, wie er geschlafen hat. Niemand weiß, dass er am Sonntag bis in den Nachmittag kein einziges Wort gesprochen hat.

Diese Stille ist keine Einbildung, und sie ist auch kein Beweis. Aber sie fühlt sich an wie einer. Jeder weitere stumme Tag gibt der Frage mehr Gewicht, ob wirklich etwas mit ihm nicht stimmt, wenn niemand nach ihm fragt. Anfangs erschrickt er noch darüber. Mit der Zeit fällt es ihm schwerer, zu widersprechen. Ein Satz darüber, dass jeder Mensch wertvoll sei, erreicht diese Stelle kaum. Er möchte nicht hören, dass er etwas wert ist. Er möchte jemandem fehlen, wenn er nicht da ist.

Eine Rechnung mit falschen Zahlen

Und doch stimmt an dieser Rechnung etwas nicht, auch wenn das den Schmerz nicht kleiner macht. Alleinsein ist kein leerer Platz. Für den Menschen, der es wählt, ist es voller Dinge: Ruhe, die eigene Stimme, vielleicht die Erleichterung, niemandem mehr etwas erklären zu müssen, vielleicht eine Erschöpfung, die mit ihm wenig und mit ihrem eigenen Leben viel zu tun hat. Sie hat nicht ihn gegen nichts getauscht. Sie hat sich für etwas entschieden, das ihr gefehlt hat und das er nicht kennt.

Das ist ein schwacher Trost, und es soll auch keiner sein. Es bleibt wahr, dass sie ein Leben ohne ihn vorgezogen hat, und es bleibt wahr, dass das wehtut, gerade weil er sich bei ihr gezeigt hatte. Aber eine Entscheidung darüber, wie jemand leben möchte, ist keine Waage, auf der sein Wert gemessen wurde. Er ist nicht weniger als null. Er ist ein Mensch, der verlassen wurde und dem die Menschen fehlen, die ihm das Gegenteil zeigen könnten. Das ist schlimm genug, ohne dass er es sich zusätzlich als Urteil unterschreibt.

Wieder vor dem Haus

Wochen später saß der Mann wieder im Auto, diesmal mit einer Tasche Lebensmittel auf dem Beifahrersitz. Beim Bremsen war ein Apfel in den Fußraum gerollt. Vor dem Haus stellte er den Motor ab und blieb sitzen, bis die Temperaturanzeige erlosch.

Früher hätte er die Einkäufe hinaufgetragen und schon beim Aufschließen etwas gerufen: dass es kalt geworden war, dass er die Milch vergessen hatte. Einen Satz, der keine Antwort brauchte und trotzdem an jemanden gerichtet war. Jetzt ging er im Kopf durch, was in den Kühlschrank musste. Dann griff er nach dem Apfel, legte ihn zurück in die Tasche und ging hinauf.

Im Supermarkt hatte er einen früheren Nachbarn gesehen, über dessen laute Telefonate sie sich jahrelang geärgert hatten. Für einen Moment hatte er sich darauf gefreut, ihr davon zu erzählen. Jetzt stand er in der Küche und versuchte sich an den Namen des Mannes zu erinnern. Als er ihn wieder wusste, sagte er ihn leise vor sich hin, und danach hörte er nur noch den Kühlschrank.

Wenn du jemanden kennst, der gerade verlassen wurde und plötzlich leise geworden ist, warte nicht darauf, dass er sich meldet. Er wird es kaum tun, weil die Angst, zu viel zu sein, jetzt größer ist als je zuvor. Frag nicht im Vorbeigehen, wie es ihm geht, sondern so, dass eine ehrliche Antwort Platz hat. Geh mit ihm ein Bier trinken oder eine Runde spazieren, oder setz dich eine Stunde lang zu ihm in die Küche. Du musst nichts lösen und nichts erklären. Es reicht, dass er am Abend jemandem von dem Nachbarn erzählen kann, und dass jemand zuhört, als hätte er darauf gewartet.

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