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ESSAY / Leben und Verletzlichkeit

Diese verdammten Pollen

Über privaten Schmerz in einem Arbeitstag, der ganz normal weiterläuft.

Marc Sent · · 7 Min. Lesezeit

Musik zum EssayI hate that I loved you this muchZum Lied

Zwischen zwei Terminen werden die Augen feucht, und die Erklärung dafür soll möglichst unauffällig sein. Über die Anstrengung, zu funktionieren, während innen etwas zerbricht.

Die Präsentation ist fast fertig, als der Kollege hinter seinem Stuhl stehen bleibt. Auf dem Bildschirm fehlt noch eine Zahl, die sie vor der Besprechung ergänzen müssen. Er dreht sich um, blinzelt und greift nach der Wasserflasche. Der Kollege fragt, ob alles in Ordnung sei. „Diese Pollen“, sagt er und versucht zu lächeln, obwohl auf dem Kalender neben dem Monitor bereits Oktober steht.

Der andere sieht kurz zum Fenster, dann wieder auf die Tabelle. Er nennt die fehlende Zahl, wartet, bis sie eingetragen ist, und fragt, ob er Kaffee mitbringen soll. Als er zurückkommt, stellt er die Tasse neben die Tastatur und geht weiter, ohne stehen zu bleiben. Erst beim ersten Schluck merkt der Mann vor dem Bildschirm, dass er seit dem Morgen nichts getrunken hat, und dass seine Hände um die Tasse zittern.

Eine Erklärung, die keine Fragen macht

Am Morgen, noch im Stiegenhaus, hatte er ihre Nachricht gelesen. Sie hatte die restlichen Sachen abgeholt, der Schlüssel liege im Postkasten. Mehr stand nicht darin, und mehr musste auch nicht darin stehen. Er hatte den Postkasten aufgesperrt, den Schlüssel in die Jackentasche gesteckt und war zur Straßenbahn gegangen, weil um neun die Abstimmung war und um elf die Präsentation. Den ganzen Vormittag hatte er den Schlüssel in der Tasche gespürt, wenn er sich bewegte.

Die Pollen waren eine schnelle Ausrede gewesen. Sie erklärten die Augen, ohne eine Geschichte zu öffnen, für die es zwischen zwei Besprechungen keinen Platz zu geben schien. Er wollte am Schreibtisch nicht von seiner Trennung erzählen. Noch weniger wollte er behaupten, es gehe ihm gut. Aus diesem Widerspruch war ein Satz entstanden, der kaum glaubwürdig war und trotzdem genau das tat, was er sollte: Er schloss eine Tür, hinter der gerade alles durcheinanderlag.

An Arbeitstagen werden viele solcher Sätze gesagt. Man hat schlecht geschlafen, Kopfweh, viel um die Ohren. Manchmal stimmt das genau. Manchmal bezeichnet es nur den äußersten Rand dessen, was los ist. Hinter einem müden Gesicht kann eine kurze Nacht liegen oder eine, in der jemand dieselbe Nachricht vierzigmal gelesen hat, als könnte sie beim einundvierzigsten Mal etwas anderes sagen. Am nächsten Morgen sehen diese beiden Nächte erstaunlich ähnlich aus.

Wie ordentlich ein schwerer Tag aussehen kann

Wer weiterarbeitet, wird leicht für stabil gehalten. Er kommt pünktlich, beantwortet Fragen und lacht an der richtigen Stelle mit. Nichts spricht von außen dagegen, dass er sich wieder gefangen hat. Unsichtbar bleibt, was es kostet, die gewöhnlichen Abläufe überhaupt aufrechtzuerhalten. Ein Satz wird dreimal gelesen, bevor er ankommt. Eine einfache Entscheidung dauert eine halbe Stunde. Vor jedem Anruf muss man erst die eigene Stimme zusammensuchen, damit sie nicht an einer unpassenden Silbe bricht.

Der Schmerz kündigt sich dabei nie passend an. Ein harmloses Wort in einer Mail, ein Datum, das Restaurant gegenüber, in dem man einmal zu zweit gegessen hat: Eben war man noch bei einer Folie, jetzt fehlt ein Mensch, und zwar so heftig, dass der Raum für einen Moment kippt. Der Übergang ist so schnell, dass man ihn selbst kaum begreift, geschweige denn jemandem erklären könnte, der gerade nach einer Zahl fragt.

Es hat auch etwas Gutes, dass niemand es bemerkt. Die Arbeit ist einer der wenigen Orte, an denen man nicht nur der Verlassene ist, sondern noch jemand, der eine gute Idee haben kann und dessen Beitrag etwas zählt. Diesen Ort will man nicht auch noch verlieren. Gleichzeitig macht völlige Unsichtbarkeit einsam. Wenn alle von der üblichen Belastbarkeit ausgehen, kommen die üblichen Aufgaben, und um etwas abgeben zu dürfen, müsste man sich erklären, wofür die Kraft gerade fehlt. Also sagt man noch einmal zu und merkt erst am Abend, auf dem Sofa, noch im Mantel, dass für nichts anderes mehr etwas übrig ist.

Das ist die eigentliche Erschöpfung solcher Tage: nicht die Trauer allein, sondern die Trauer plus die Arbeit, sie zu verbergen. Beides zusammen ist mehr, als ein Mensch lange tragen kann, und es ist kein Zeichen von Schwäche, wenn es irgendwann an einem Dienstag um halb elf vor dem Bildschirm aus einem herausläuft.

Anteilnahme, die etwas stehen lassen kann

Der Kollege hätte die Ausrede korrigieren können. Er hätte sagen können, dass Oktober sei, und nachfragen, was wirklich los ist. Vielleicht hätte der Mann dann erzählt, vielleicht hätte er sich ertappt gefühlt und wäre für den Rest des Tages noch ein Stück weiter in sich hineingekrochen. Es gab keine sichere Reaktion. Der andere konnte nur bemerken, dass etwas schwer war, und entscheiden, wie viel Druck seine Aufmerksamkeit machen durfte.

Der Kaffee war in diesem Moment eine erstaunlich genaue Antwort. Er verlangte keine Erklärung und sagte trotzdem: Ich habe es gesehen. Er ließ die Pollen stehen, ohne sie zu glauben. Darin lag ein Respekt, der selten ist. Viele Menschen meinen es gut und bohren nach, weil sie helfen wollen, und merken nicht, dass ihre Hilfe dann eine weitere Aufgabe wird: jetzt auch noch erzählen, erklären, trösten lassen, und das alles zwischen zwei Terminen.

Natürlich kann Zurückhaltung auch zu viel werden. Wenn alle höflich vorbeisehen, muss der Betroffene jede Öffnung selbst schaffen, und dafür fehlt ihm gerade der Mut. Ein kurzer Satz kann deshalb viel bedeuten: Wenn du irgendwann reden magst, ich bin da. Ob und wann darauf etwas folgt, bleibt offen. Das Angebot muss nicht sofort eingelöst werden, um zu wirken.

Was in einer Tasse Platz hat

Niemand schuldet einem Kollegenkreis seine Geschichte, damit die Bitte um einen ruhigeren Nachmittag ernst genommen wird. In manchen Teams werden private Sätze sorgsam behandelt, in anderen wandern sie schnell weiter, und wer vorsichtig bleibt, hat oft gute Gründe dafür. Zwischen den Pollen und der ganzen Wahrheit gibt es aber viele Sätze. „Privat ist gerade einiges schwer“ ist einer davon. Er gibt nichts preis und öffnet doch genug, damit ein müdes Gesicht nicht mehr falsch gelesen wird.

Die Besprechung am Vormittag lief besser, als er befürchtet hatte. Er vergaß einmal ein Wort, fand es wieder und konnte über einen Einwand sachlich nachdenken. Die Trennung war in diesen vierzig Minuten nicht verschwunden. Sie saß mit am Tisch, und er spürte den Schlüssel in der Jackentasche, wenn er sich vorbeugte. Aber sie bestimmte nicht jeden Satz.

Als er an seinen Platz zurückkam, stand die leere Tasse noch neben der Tastatur. Er nahm sie mit in die Küche, wo der Kollege gerade Wasser aufsetzte. „Danke für vorhin“, sagte er. Der andere fragte nicht, ob er den Kaffee meinte oder etwas anderes, und rückte ein Stück zur Seite, damit beide an die Spüle passten. Eine Weile standen sie so da. Dann sagte der Mann, ohne den Kollegen anzusehen, dass es keine Pollen gewesen seien, und dass sie ihre Sachen heute Morgen geholt habe. Der andere nickte und nahm eine zweite Tasse aus dem Schrank.

Du musst heute nicht dein Bestes geben

Wenn du selbst gerade durch so einen Tag gehst: Es ist in Ordnung, dass die Maske nicht perfekt sitzt. Es ist in Ordnung, wenn eine Ausrede schlecht ist und jeder sie durchschaut. Du darfst einer einzigen Person einen einzigen wahren Satz sagen, und du darfst es auch lassen. Der Tag muss nur zu Ende gehen, nicht gut werden.

Und wenn du neben jemandem sitzt, dessen Augen im Oktober nach Pollen aussehen, dann prüf die Erklärung nicht auf ihre Glaubwürdigkeit. Bring einen Kaffee. Übernimm den nächsten Anruf. Frag, was du heute abnehmen kannst, und lass die Antwort so kurz sein, wie sie sein will. Darin liegt eine stille Zusage, die mehr trägt, als es scheint: Du musst heute nicht deine gewohnte Leistung bringen, um hier deinen Platz zu haben.

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