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ESSAY / Trennung und Abschied

Warum ich dein Duschgel nicht wegwerfen kann

Über Gegenstände, die nach einem Abschied mehr bewahren sollen, als sie tragen können.

Marc Sent · · 7 Min. Lesezeit

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Eine beinahe leere Flasche kann nach einer Trennung unersetzlich werden. Wer sie wegwirft, trifft scheinbar eine Entscheidung über die ganze Beziehung, und niemand ist da, der sie mitträgt.

Vor dem Regal in der Drogerie hält er zwei Flaschen nebeneinander. Die Verpackung ist inzwischen anders, aber auf beiden steht derselbe Duft. Er öffnet eine vorsichtig und riecht daran. Sofort denkt er an das beschlagene Fenster im Badezimmer und an ihre Stimme, wenn sie nach einem Handtuch gerufen hatte. Seit Monaten hat niemand mehr aus der Dusche nach ihm gerufen.

Eine Verkäuferin kommt mit einem Karton vorbei und fragt, ob sie helfen könne. Er sagt, er suche nur etwas Bestimmtes, und dreht den Verschluss wieder zu. Eigentlich ist er wegen Waschmittel hier. Zu Hause steht noch die alte Flasche auf dem Wannenrand, beinahe leer. Er weiß nicht, warum er sie nachkaufen möchte. Als die Verkäuferin weitergeht, bleibt er vor dem Regal stehen und liest die Inhaltsstoffe, ohne ein Wort davon aufzunehmen.

Dinge wissen nichts von einem Abschied

Die alte Flasche hat keine Ahnung, dass sich ihre Bedeutung verändert hat. Sie steht am selben Platz, an dem sie früher einfach benutzt wurde, manchmal im Weg, meistens unbeachtet. Jetzt ist sie eines der wenigen Dinge in der Wohnung, die noch so aussehen, als könnte die frühere Bewohnerin jeden Moment hereinkommen und danach greifen, nass, mit zusammengekniffenen Augen, fluchend, weil das Handtuch wieder nicht da hängt.

Nach einer Trennung bleiben Gegenstände in einer merkwürdigen Gegenwart zurück. Ein Pullover liegt noch auf dem Stuhl, in einem Buch steckt ein Einkaufszettel als Lesezeichen, im Schrank steht eine Tasse, deren Henkel man nie mochte. Diese Dinge führen die gemeinsame Geschichte weiter, ohne zu wissen, dass die Menschen sie beendet haben. Wer allein in der Wohnung bleibt, muss entscheiden, was mit ihnen geschieht, und fühlt sich dabei zuständig für viel mehr als Ordnung.

Eine Zahnbürste wegzuwerfen kann endgültiger wirken als das Gespräch, in dem die Trennung ausgesprochen wurde. Solange sie im Becher steht, gibt es ein sichtbares Zeichen, dass hier jemand selbstverständlich dazugehört hat. Wer sie entfernt, stellt eine Leere her, die bis dahin nur innen existierte. Man sieht dann, was man längst weiß, und genau das möchte man an manchen Tagen nicht sehen müssen.

Ein Geruch ist schneller als jeder Gedanke

Es gibt Erinnerungen, die man bewusst aufsucht, und solche, in die man stolpert. Ein Duft gehört fast immer zur zweiten Art. Man hat noch gar nicht entschieden, zurückzudenken, und steht bereits in einem anderen Zimmer, in einem anderen Jahr, und hört Wasser laufen und eine Stimme, die nach einem ruft. Für einen Moment ist sie wieder da, vollständiger als auf jedem Foto. Und wenn dieser Moment vergeht, ist der Abstand zu heute schärfer als zuvor.

Deshalb wäre es so verständlich gewesen, die Flasche nachzukaufen. Der Duft ließe sich bewahren, auch wenn niemand mehr in dieser Dusche steht und ruft. Der Mann vor dem Regal ahnte aber, dass eine neue Flasche eine andere Geschichte hätte. Sie wäre eigens angeschafft worden, damit etwas nach ihr riecht. Aus einem übrig gebliebenen Alltagsgegenstand würde ein kleiner Altar, an dem er jeden Morgen wieder in den früheren Morgen zurückkehren könnte, um ihn dann wieder zu verlieren.

Daran ist nichts Beschämendes. Menschen bewahren Briefe, tragen alte Pullover, kochen Gerichte, die nach jemandem schmecken. Die Frage ist nur, was eine solche Gewohnheit im heutigen Leben tut. Schenkt sie einen guten Moment, in dem die Vergangenheit einen Platz hat? Oder hält sie eine Wunde offen, die man jeden Tag neu aufreißt, weil das Aufreißen die einzige Verbindung ist, die noch bleibt?

Wer es wegwirft, verlässt noch einmal

Unter dem Widerstand gegen das Aufräumen liegt oft eine Angst, die man kaum aussprechen mag: selbst zum zweiten Mal zu verlassen. Sie ist gegangen. Aber ich könnte wenigstens ihre Spuren schützen. Wenn auch ich sie entferne, wer hält dann noch fest, dass diese Jahre wichtig waren? Eine weggeworfene Zahnbürste scheint plötzlich zu sagen, dass man bereit ist, alles hinter sich zu lassen, obwohl man nur den Becher sauber machen wollte.

Und es gibt dabei keinen Zeugen. Niemand steht im Badezimmer und sagt, dass es in Ordnung ist. Man trägt den Müllsack hinaus und steht danach im Stiegenhaus mit einem Gefühl, das viel zu groß ist für die Handlung, und niemandem kann man erzählen, was man gerade getan hat. Früher hätte man es ihr erzählt. Selbst das Loslassen geschieht ohne sie.

Es ist wichtig, das nicht kleinzureden. Wer eine Flasche Duschgel nicht wegwerfen kann, ist nicht sentimental in einem abwertenden Sinn. Er steht an einer Stelle, an der ein großer Verlust in einen sehr kleinen Gegenstand geflüchtet ist, weil er anderswo keinen Platz findet. Man kann eine Trennung nicht in den Arm nehmen. Eine Flasche kann man halten.

Die Erinnerung braucht keinen Stellplatz

Und doch wohnt die Erinnerung nicht in der Flasche. Wir vergessen einen Menschen nicht, wenn seine Tasse in eine Kiste wandert. Die Zärtlichkeit eines Morgens hängt nicht davon ab, dass ein Duschgel auf dem Wannenrand bleibt. Solche Sätze helfen nicht sofort. Sie werden meist erst glaubwürdig, nachdem etwas weggeräumt wurde und die Erinnerung am nächsten Tag trotzdem da ist, unverändert, manchmal sogar deutlicher.

Deshalb kann aus einer großen Entscheidung eine kleinere werden. Die Tasse muss heute nicht in den Müll, sie kann in ein anderes Fach. Ein Gegenstand, den man behalten will, darf bewusst gewählt sein, statt Teil einer Wohnung zu bleiben, die sich nicht verändern darf. Und es darf Tage geben, an denen gar nichts passiert. Trauer wird nicht wertvoller, wenn sie sich beeilt, und nicht tiefer, wenn alles unangetastet bleibt.

Nicht alles, was zurückblieb, gehört auch dem, der es aufbewahrt. Ein Buch, ein Kleidungsstück kann für sie weiterhin wichtig sein, und dann braucht es eine Absprache, so schwer die Übergabe fällt. Auch eine offene Hoffnung auf ein Wiedersehen muss nicht verlangen, alles in Bereitschaft zu halten. Wenn zwei Menschen sich je wieder begegnen, wird das nicht davon abhängen, ob eine alte Flasche noch auf dem Wannenrand steht.

Ein Badezimmer, das wieder benutzt werden darf

Der Mann kaufte an jenem Nachmittag nur Waschmittel. Zu Hause hob er die alte Flasche an und sah, dass darunter ein heller Rand geblieben war, genau in ihrer Form. Er wischte ihn weg und merkte, wie schwer ihm diese kleine Bewegung fiel. Dann hielt er das Duschgel noch einen Moment in der Hand, öffnete den Verschluss, roch daran und stellte es in den Schrank. Wegwerfen konnte er es noch nicht. Aber auf dem Wannenrand musste es heute nicht mehr stehen.

Am Abend duschte er mit seinem eigenen Duschgel. Das Badezimmer roch danach anders, und das tat mehr weh, als er erwartet hatte. Er stand eine Weile im Dampf, bis das Wasser kühler wurde. Später, beim Öffnen des Fensters, erinnerte er sich an ihre Stimme und daran, wie oft er das Handtuch zu spät gebracht hatte, und er musste darüber lächeln, obwohl ihm gleichzeitig die Augen brannten. Die Flasche war nicht zu sehen. Der Morgen von damals war trotzdem da.

Wenn in deinem Badezimmer noch etwas steht, das nicht dir gehört, dann musst du heute nichts entscheiden. Lass es stehen oder stell es in einen Schrank. Wirf es weg, wenn du so weit bist, und nicht früher. Nichts von dem, was ihr hattet, verschwindet mit einer Flasche. Es wohnt längst woanders, dort, wo kein Aufräumen hinkommt.

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